Anspruch und Wirklichkeit der emanzipatorischen Stellung der Frau im Realsozialismus
Fortschritte in der Theorie
- Marxistische Theorie nach Bebel: Frauenfrage ein Teil der Sozialen Frage
- Verfassung der DDR vom Mai 1949
→ Gleichberechtigung von Mann und Frau: „Artikel 7 der Verfassung von 1949 legte fest: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenwirken, sind aufgehoben."
→ Frauen haben Recht auf Arbeit, gleichen Lohn bei gleicher Arbeit und Recht auf Bildung
- staatlichen Schutz der Mutterschaft
- gemeinsame Verantwortung für Mann und Frau bei der Erziehung des Kindes und bei der Hausarbeit
- Nichterwerbstätigkeit als Hauptfaktor ihrer Unterdrückung
→ Einbeziehung der Frau in die Arbeitswelt
Stagnation in der Praxis
- Für Frauen selbst erschien das Familienleben bzw. die traditionelle Rolle der Frau hinter dem Herd wichtiger als die Erwerbstätigkeit
→ Rückstände vom reaktionären Frauenbild der NS-Ideologie
- Leitbild: Frau mit Facharbeiter-, Fachschul-, oder Hochschulabschluss, welche die Doppelbelastung als Mutter glänzend beständen
→ Ausschluss von Hausfrauen und kinderlosen Frauen
- Nicht die Frau selbst, sondern der Staat übernahm die Verantwortung für die Emanzipation der Frau
- Männer bestimmten z.T. das Leitbild der Frau: Für Frauen galt das erstrebenswert, was die Männer schon erreicht hatten
→ fehlende Möglichkeit zur Selbstverwirklichung der Frau
- Höhere Funktionen in Verbänden und Parteien blieben männerdominiert
- Frauen trugen eine dreifachbelastung: Arbeit, Mutterschaft, öffentliches Engagement in der Partei und anderen gesellschaftlichen Organisationen
Die Frau in Familie, Partnerschaft und Ehe
- Konservatives Familienleitbild: Familie mit verheiratetem Paar und 2-3 Kindern als Idealfall
→ in Relation zur BRD frühe Eheschließungen, weil Ehepaare bei Wohnungsvergaben bevorzugt wurden
- Durch Kinderbetreuungseinrichtungen und Haushaltshilfen wurden Frauen während der Mutterschaft massiv vom Staat entlastet, sodass sie für lediglich ein Jahr mit der Erwerbstätigkeit aussetzen mussten. Weitere Entlastungen waren:
→ Geburtenbeihilfen
→ bezahltes Babyjahr bei Fortdauer der Betriebszugehörigkeit
→ zinsloses Familiengründungsdarlehen (bei 8jähriger Tilgungsfrist und bei Geburt eines Kindes wurden 1000 Mark erlassen, beim zweiten 1500 Mark und beim dritten 2500 Mark, ingesamt also bis zu 5000 Mark)
→ Kindergeld
→ Ausbildungsbeihilfen
- Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau auch in der Hausarbeit hing größtenteils vom Bildungsstand der Individuen ab
- Umfrage 1982: Für 60% der Frauen mittlerer Jahrgänge haben Arbeit und Familie diesselbe Bedeutung
- Hohe Scheidungsrate aufgrund finanzielle Unabhängigkeit der Frauen
- Verpflichtung der Väter zum Unterhalt des Kinders – unabhängig davon, ob das Kind ehelich oder unehelich geboren wurde
- Soziale Hilfen des Staates für alleinerziehende Mütter
→ bevorzugte Kinderkrippenplätze
→ Finanzausgleich bei Krankheit des Kindes
- Familiengesetzbuch der DDR von 1966: Ehegatte wird aufgefordert, ihre Beziehungen zueinander so zu gestalten, dass „die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche mit der Mutterschaft vereinbaren kann“
Die Frau in der Arbeitswelt
- Integration möglichst vieler Frauen in die Arbeitswelt als wichtigster Schritt auf dem Weg der Gleichberechtigung
→ ökonomische Unabhängigkeit als Garant ihrer Befreiung von der „Sklaverei“ der Hausarbeit
- Ebenso sollten Frauen durch Erwerbstätigkeit dazu beitragen, die Produktivität des Landes zu steigern und damit die Deutsche Demokratische Republik aufzubauen und zu stabilisieren
- 1989 waren 91,2% der Frauen berufstätig
- verschwindend geringer Anteil der Frauen in Leitungspositionen
→ Frauen verdienen 25%-30% weniger wie Männer (Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit)
→ rest-patriarchalische Gesellschaftsstruktur
→ Mutterschaft wirkt sich trotz staatlicher Hilfen noch immer unterbrechend auf ihre Karriere aus
- Während Jungs meist Ausbildung in der Industrie machten, bevorzugten Mädchen die Pädagogik, die Medizin oder den Handel
- Staat regulierte den Geschlechteranteil bei der Lehrstellen-Vergabe
- Betriebe und Kombinate begründeten ihr Interesse nach männerdominierten Arbeitsbereichen wie folgt:
→ Ausfallquote und Fluktuation seien bei Frauen durch Mutterschaft größer
→ Übertreffen der physischen Anforderungen an die Mädchen
→ nicht genügend technisches Interesse seitens der Mädchen
Politische Partizipation der Frau
- Allgemeine Einschränkung der Möglichkeiten zur politischen Partizipation an gesellschaftlich relevanten Themen führt logischerweise auch zu einer Einschränkung der politischen Partizipationsmöglichkeiten der Frau
- SED stellte Posten einer „Frauenbeauftragten“ zur Verfügung
- Frauenquote beim Zentralkomitee der SED nur bei ~15%, und dann nur als Organisationsspezialisten
- betriebliche Frauenausschüsse beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund sollten Mutterschaft und Beruf vereinbaren zu helfen
- Der 1947 gegründete Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) war eine Frauen- und Massenorganisation und Mitglied der Nationalen Front, welche sich für die Verwirklichung des verfassungstechnischen Auftrag zur Gleichberechtigung einsetzen sollte sowie verantwortlich war für die Werbung und Mobilisierung zur Berufstätigkeit
→ "Gesetzes über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" vom 27. September 1950 wurde vom DFD ausgearbeitet und stellte die Grundlage für die Verwirklichung des Gleichberechtigungs-Anspruch zwischen Mann und Frau in der Verfassung
→ Auf Betreiben des DFD entstanden ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Frauenakademien und Frauensonderklassen in vielen Bildungseinrichtungen
→ In den 1970er Jahren organisierte der DFD in Bezirks- und Kreisstädten über 200 „Beratungszentren für Haushalt und Familie“, die sich rasch zur praxisorientierten Beratung für Ehe, Haushalt und Säuglingspflege entwickelten
Fazit
Die Rolle der Frau im sozialistischen Ostdeutschland muss ambivalent betrachtet werden:
- Die DDR hatte die Forderungen von Marx, Engels und Bebel in Sachen Frauenemanzipation übernommen und vieles in Ansätzen verwirklicht
- Die Einrichtung von flächendeckenden und staatlich subventionierten Kinderbetreuungseinrichtungen erleichterten den Frauen den Alltag im Sozialismus enorm und dienen heute progressiven Parteien im Bundestag als Vorbild auch für Gesamtdeutschland
- Die Eingliederung der Frau in den gesellschaftlich organisierten Arbeitsprozeß zum Ziel der Unabhängigkeit der Frau (Marx/ Engels, Bebel) war in der DDR im großen und ganzen vollzogen
- Seit den 50er Jahren wurden immer mehr Frauen berufstätig und dadurch finanziell unabhängiger von ihren Männern, was u. a. an der hohen Scheidungsrate abzulesen ist
- Zur Erleichterung bei Hausarbeit und Kindererziehung (Marx/ Engels, Bebel) standen Haushaltshilfen und Kinderbetreuungseinrichtungen zur Verfügung. Mutter und Kind blieben so meist nur 1 Jahr nach der Geburt im Hause
- Die Gleichheit von Mann und Frau von Gesetzes wegen, wie sie bereits August Bebel gefordert, war in der Verfassung der DDR konstatiert
- Die "Ebenbürtigkeit von Mann und Frau in der geistigen Ausbildung" (Bebel) hatte die DDR theoretisch ebenfalls erreicht. Seit den 60er Jahren fand die Verstärkung der Qualifikation von Frauen (Facharbeiterin, Fachschul- oder Hochschulstudium) statt
- Es resultierte daraus eine Grundqualifikation in Bildung und Beruf von ca. 50:50 zwischen Mann und Frau
Allerdings gab es auch Stagnationen in der Frauenemanzipation und der Frauenfrage:
- So verdienten Frauen im Durchschnitt weniger und waren sehr selten in leitenden Positionen vertreten
- Es gab in der DDR ähnlich frauentypische Berufe wie in der BRD
- Die staatlich aufgezwungene Emanzipation, die nicht von den Frauen selbst ausging
- Das durch die gesamte Gesellschaft noch immer vorherrschende patriarchalische Weltbild (auch die SED als Avantgarde war nicht besser wie der restliche Bevölkerungsteil der DDR)
- Der Vergleich der Leistungen der Frau mit den bereits erreichten des Mannes und der daraus resultierenden fehlenden Möglichkeit zur Selbstverwirklichung der Frau
- Innerhalb der begrenzten politischen Partizipationsmöglichkeiten von DDR-BürgerInnen wurde der Frauenorganisation DFD nur ein gewisses "Mitsprache- und Mitwirkungsrecht" zuerkannt
Insgesamt ist die Rolle der Frau in der DDR fortschrittlicher als dies zur selben Zeit in Westdeutschland der Fall gewesen ist, wo die Frau sich erst nach der Studentenrevolution von 1968 Gehör verschaffen konnte. Die ebenfalls vorhandene Stagnation der Frauenemanzipation im Osten ist auf das autoritär-repressive politische System der DDR in Verbindung mit dem permanenten Strukturkonservativismus im ZK der SED zurückzuführen.
Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Demokratischer_Frauenbund_Deutschlands
http://www.emanzipation-im-sozialismus.de/
http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_frauenbewegung_in_deutschl.html
http://www.bpb.de/themen/T1TEYR,0,0,Auferstanden_aus_Ruinen.html
Information zur politischen Bildung: Frauenbewegung
Willkommen in der virtuellen Welt in Rot
Dieser Blog dient mehrerer Funktionen:
Einerseits um mit mir selbst ins Reine zu kommen, andererseits um interessierte Leser an den wissenschaftlichen Sozialismus von Karl Marx und Friedrich Engels heranzuführen.
Neben ideologischen Fragen werden hier bei Bedarf auch Themen aus der Alltagspolitik versucht darzustellen.
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Donnerstag, 10. Februar 2011
Sonntag, 9. Januar 2011
Von der Pest zur Cholera
Ein Statement zur deutschen Wiedervereinigung
Im Folgenden möchte ich ein Statement abgeben zu den Veränderungen der Jahre 1989/90 und dessen Folgen. Mir erscheint es notwendig, den Verlauf der Wendezeit kurz zu rekapitulieren, um mich danach mit den Meinungen der vier Autoren Stern, Kocka, Schulze und Winkler auseinandersetzen zu können, dessen Folgerungen sich allesamt so zusammenfassen lassen: Erstmals in der deutschen Geschichte sei (nicht näher definierte) Freiheit und nationale Einheit erreicht, Deutschland stehe an einen historischen Wendepunkt.
Die Ereignisse vom 09.November 1989 und 03.Oktober 1990 sind zentrale Bestandteile der neueren deutschen Geschichte, vergleichbar nur mit dem 08.Mai 1945, dem 30.Januar 1933 oder dem 11.November 1918.
Doch im Gegensatz zu den vorherigen zentralen Daten basieren die Ereignisse der Wendezeit auf einer Implosion, nicht auf einer Explosion. Die Revolution begann auf den Straßen ostdeutscher Großstädte, dessen Ursache vorrangig auf innenpolitische Missstände der DDR zurückzuführen ist. Der gesamte Prozess war ein objektiver Klassenkampf; das Volk revoltierte anfangs gegen die bürokratische Staatselite der sozialistischen Kaderpartei, das Ziel war ein sg. „demokratischer Sozialismus“ und kann durchaus im Vergleich zur klassischen Einparteiendiktatur als fortschrittlich bezeichnet werden. Die Restauration des Kapitalismus war anfangs nicht Intention der rebellierenden Massen. Dies spiegelt sich in der bestimmenden Parole „Wir sind das Volk“ wider. Von den ökologisch, demokratisch und pazifistisch auftretenden Akteuren, die bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 und 1989 im „Neuen Forum“, in der Gruppe „Demokratie jetzt“, im „Demokratischen Aufbruch“, in der Gründungsgruppe der Grünen Partei sowie der Sozialdemokratischen Partei in Ostdeutschland in Erscheinung traten, waren nationalistische und prokapitalistische Absichten nie formuliert worden. Sie gingen vom Fortbestand der Deutschen Demokratischen Republik und des sozialistischen Eigentums aus, allerdings verwaltet durch veränderte (nämlich demokratisierte) politische Bedingungen.
Der Übergang von Revolution zu Konterrevolution kennzeichnet wiederum die Parole „Wir sind ein Volk“. Ziel war nicht mehr die politische Emanzipation des menschlichen Individuums, sondern die nationale Einheit Deutschlands unter kapitalistischer Verhältnisse, also eine Forderung, die in der Vergangenheit bereits erfüllt gewesen ist. Die Revolte war rückwärtsgewand, die Initiative und Kontrolle der Ereignisse von 1989/90 ging von den Straßen ostdeutscher Großstädte auf den westdeutschen Regierungssitz in Bonn über. Exogene Faktoren bestimmten nun die Geschehnisse in Ostdeutschland, die Revolution ist somit gescheitert. Der Klassenkampf änderte seine Richtung: Es lag nun in der Hand der Bourgeoisie die sozialen Errungenschaften im Osten zu bekämpfen und ihre 1945 verloren gegangene Herrschaft wieder zu erlangen. Es ist bezeichnend, dass der 09.November, welcher eigentlich als Unglücksdatum in das Gedächtnis der Deutschen für ewig eingebrannt sein müsste, heute wieder fröhlich gefeiert und gewürdigt wird.
Liest man Stellungnahmen über die Bedeutung der Jahre 1989ff von in ihren Fachbereich bekannten Persönlichkeiten, so erkennt man nicht viele Unterschiede in ihren Meinungen. Stern, Kocka, Schulze, Winkler – alle preisen diese Jahre nicht unvoreingenommen als Befreiungsschlag, Erlösung, Endsieg liberaldemokratischer Ideen (Stern und Kocka) sogar als engültiger Wendepunkt der deutschen Geschichte, der Abschluss der bisherigen deutschen Geschichte und ein historischer Neubeginn (Schulze), der Sieg des „Lebensgefühls gegen Staatsdoktrination“ (Winkler).
Doch wie sieht die historische Wahrheit aus? Sind Anspruch und Wirklichkeit dieser westlichen Analytiker wirklich identisch? Sicherlich, es wurde Freiheit errungen. Aber die Errungenschaften von 1989/90 beschränkten sich auf typisch bürgerliche Freiheiten. Es folgte der Verlust der sozialen Freiheit zugunsten der rechtlichen Freiheit. Es ging nicht nur der abstrakte Traum vieler Sozialisten aller Art verloren, dass eine bessere Welt bzw. ein besseres Deutschland möglich sei, sondern auch ganz konkret ließ die errungene rechtliche Freiheit seinen Preis spüren: Totale Enteignung der ostdeutschen Bevölkerung, Deindustrialisierung Ostdeutschlands, Abbau von Arbeitsplätzen und Arbeitslosigkeit, weniger Lohn bei gleicher Arbeit, der Verlust sozialer Sicherheit, Rentenungleichheit, Abbau sozialer und kultureller Einrichtungen, eine Mehrklassenmedizin. Mit der Restauration des Kapitalismus in Ostdeutschland ging das Recht auf Arbeit, auf Wohnung, auf gleiche Bildungschancen, auf medizinische Betreuung, soziale Sicherheit bei Krankheit und im Alter verloren.
Die deutsche Bevölkerung ist auf gefährliche Wahlkampfversprechungen hereingefallen, hat den Lügen von den »blühenden Landschaften« geglaubt, dem Gerede, dass es »keinem schlechter, aber vielen besser gehen wird«. Die Konsequenz war, dass Freiheit de jury wirklich wiederhergestellt worden war, aber Freiheit vorallem in der Wirtschaft, sodass de facto Freiheit in der postrealsozialistischen Ära wieder identisch ist mit Reichtum.
„Vollzogen hat sich der Übergang von der Herrschaft der Politbürokratie zur Herrschaft des großen Kapitals. Letztere ist nicht weniger total als die erstere. In Wirklichkeit war es der historische Rückweg von einem, wenn auch gescheiterten, weil deformierten, inkonsequenten Versuch qualitativen sozialen Fortschritts, zu dem gesellschaftlichen Zustand davor, der diesen Versuch notwendig und möglich gemacht hat.“ (Heinz Kallabis in: "Was war die DDR?")
Letztlich war dieses Moment der „Freiheit in Einigkeit“ nichts als ein weiterer Sturz der Deutschen in einen historischen Abgrund, welcher einmal mehr in einer Katastrophe mündete.
Doch die eigentliche Ironie der Geschichte liegt darin, dass das Marx´sche Ziel der Herrschaftsfreiheit in der klassenlosen Gesellschaft, insbesondere in Ostdeutschland 1949-1989, zur weltanschaulichen Legitimation eines Gesellschaftssystems beitragen konnte, das sich zur eigenen Stabilisierung wesentlich auf bürokratisch-staatliche Herrschaft stützen sollte.
Das Scheitern des 3. Sozialismusversuches -nach den ersten kommunistisch organisierten Betrieben in den Kolonien Nordamerikas durch Robert Owen Anfang des 19. Jh und der Pariser Kommune von 1871- eröffnet aber gleichzeitig Perspektiven. Moderne Sozialisten können wieder selbst denken – unabhängig von dem Einfluss der dogmatischen Rechtfertigungsideologie des von Stalin pervertierten Marxismus-Leninismus, unter dessen Klauen die DDR von Anfang bis Ende zu leiden hatte. Die Wende bietet also eine Chance zu einer neuen wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Schriften von Karl Marx und dessen mögliche Aktualität zu heutigen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse im vereinten Deutschland des 21. Jh. Die Zukunft wird zeigen, ob man aus geschichtlichen Erfahrungen lernen kann und wird.
Im Folgenden möchte ich ein Statement abgeben zu den Veränderungen der Jahre 1989/90 und dessen Folgen. Mir erscheint es notwendig, den Verlauf der Wendezeit kurz zu rekapitulieren, um mich danach mit den Meinungen der vier Autoren Stern, Kocka, Schulze und Winkler auseinandersetzen zu können, dessen Folgerungen sich allesamt so zusammenfassen lassen: Erstmals in der deutschen Geschichte sei (nicht näher definierte) Freiheit und nationale Einheit erreicht, Deutschland stehe an einen historischen Wendepunkt.
Die Ereignisse vom 09.November 1989 und 03.Oktober 1990 sind zentrale Bestandteile der neueren deutschen Geschichte, vergleichbar nur mit dem 08.Mai 1945, dem 30.Januar 1933 oder dem 11.November 1918.
Doch im Gegensatz zu den vorherigen zentralen Daten basieren die Ereignisse der Wendezeit auf einer Implosion, nicht auf einer Explosion. Die Revolution begann auf den Straßen ostdeutscher Großstädte, dessen Ursache vorrangig auf innenpolitische Missstände der DDR zurückzuführen ist. Der gesamte Prozess war ein objektiver Klassenkampf; das Volk revoltierte anfangs gegen die bürokratische Staatselite der sozialistischen Kaderpartei, das Ziel war ein sg. „demokratischer Sozialismus“ und kann durchaus im Vergleich zur klassischen Einparteiendiktatur als fortschrittlich bezeichnet werden. Die Restauration des Kapitalismus war anfangs nicht Intention der rebellierenden Massen. Dies spiegelt sich in der bestimmenden Parole „Wir sind das Volk“ wider. Von den ökologisch, demokratisch und pazifistisch auftretenden Akteuren, die bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 und 1989 im „Neuen Forum“, in der Gruppe „Demokratie jetzt“, im „Demokratischen Aufbruch“, in der Gründungsgruppe der Grünen Partei sowie der Sozialdemokratischen Partei in Ostdeutschland in Erscheinung traten, waren nationalistische und prokapitalistische Absichten nie formuliert worden. Sie gingen vom Fortbestand der Deutschen Demokratischen Republik und des sozialistischen Eigentums aus, allerdings verwaltet durch veränderte (nämlich demokratisierte) politische Bedingungen.
Der Übergang von Revolution zu Konterrevolution kennzeichnet wiederum die Parole „Wir sind ein Volk“. Ziel war nicht mehr die politische Emanzipation des menschlichen Individuums, sondern die nationale Einheit Deutschlands unter kapitalistischer Verhältnisse, also eine Forderung, die in der Vergangenheit bereits erfüllt gewesen ist. Die Revolte war rückwärtsgewand, die Initiative und Kontrolle der Ereignisse von 1989/90 ging von den Straßen ostdeutscher Großstädte auf den westdeutschen Regierungssitz in Bonn über. Exogene Faktoren bestimmten nun die Geschehnisse in Ostdeutschland, die Revolution ist somit gescheitert. Der Klassenkampf änderte seine Richtung: Es lag nun in der Hand der Bourgeoisie die sozialen Errungenschaften im Osten zu bekämpfen und ihre 1945 verloren gegangene Herrschaft wieder zu erlangen. Es ist bezeichnend, dass der 09.November, welcher eigentlich als Unglücksdatum in das Gedächtnis der Deutschen für ewig eingebrannt sein müsste, heute wieder fröhlich gefeiert und gewürdigt wird.
Liest man Stellungnahmen über die Bedeutung der Jahre 1989ff von in ihren Fachbereich bekannten Persönlichkeiten, so erkennt man nicht viele Unterschiede in ihren Meinungen. Stern, Kocka, Schulze, Winkler – alle preisen diese Jahre nicht unvoreingenommen als Befreiungsschlag, Erlösung, Endsieg liberaldemokratischer Ideen (Stern und Kocka) sogar als engültiger Wendepunkt der deutschen Geschichte, der Abschluss der bisherigen deutschen Geschichte und ein historischer Neubeginn (Schulze), der Sieg des „Lebensgefühls gegen Staatsdoktrination“ (Winkler).
Doch wie sieht die historische Wahrheit aus? Sind Anspruch und Wirklichkeit dieser westlichen Analytiker wirklich identisch? Sicherlich, es wurde Freiheit errungen. Aber die Errungenschaften von 1989/90 beschränkten sich auf typisch bürgerliche Freiheiten. Es folgte der Verlust der sozialen Freiheit zugunsten der rechtlichen Freiheit. Es ging nicht nur der abstrakte Traum vieler Sozialisten aller Art verloren, dass eine bessere Welt bzw. ein besseres Deutschland möglich sei, sondern auch ganz konkret ließ die errungene rechtliche Freiheit seinen Preis spüren: Totale Enteignung der ostdeutschen Bevölkerung, Deindustrialisierung Ostdeutschlands, Abbau von Arbeitsplätzen und Arbeitslosigkeit, weniger Lohn bei gleicher Arbeit, der Verlust sozialer Sicherheit, Rentenungleichheit, Abbau sozialer und kultureller Einrichtungen, eine Mehrklassenmedizin. Mit der Restauration des Kapitalismus in Ostdeutschland ging das Recht auf Arbeit, auf Wohnung, auf gleiche Bildungschancen, auf medizinische Betreuung, soziale Sicherheit bei Krankheit und im Alter verloren.
Die deutsche Bevölkerung ist auf gefährliche Wahlkampfversprechungen hereingefallen, hat den Lügen von den »blühenden Landschaften« geglaubt, dem Gerede, dass es »keinem schlechter, aber vielen besser gehen wird«. Die Konsequenz war, dass Freiheit de jury wirklich wiederhergestellt worden war, aber Freiheit vorallem in der Wirtschaft, sodass de facto Freiheit in der postrealsozialistischen Ära wieder identisch ist mit Reichtum.
„Vollzogen hat sich der Übergang von der Herrschaft der Politbürokratie zur Herrschaft des großen Kapitals. Letztere ist nicht weniger total als die erstere. In Wirklichkeit war es der historische Rückweg von einem, wenn auch gescheiterten, weil deformierten, inkonsequenten Versuch qualitativen sozialen Fortschritts, zu dem gesellschaftlichen Zustand davor, der diesen Versuch notwendig und möglich gemacht hat.“ (Heinz Kallabis in: "Was war die DDR?")
Letztlich war dieses Moment der „Freiheit in Einigkeit“ nichts als ein weiterer Sturz der Deutschen in einen historischen Abgrund, welcher einmal mehr in einer Katastrophe mündete.
Doch die eigentliche Ironie der Geschichte liegt darin, dass das Marx´sche Ziel der Herrschaftsfreiheit in der klassenlosen Gesellschaft, insbesondere in Ostdeutschland 1949-1989, zur weltanschaulichen Legitimation eines Gesellschaftssystems beitragen konnte, das sich zur eigenen Stabilisierung wesentlich auf bürokratisch-staatliche Herrschaft stützen sollte.
Das Scheitern des 3. Sozialismusversuches -nach den ersten kommunistisch organisierten Betrieben in den Kolonien Nordamerikas durch Robert Owen Anfang des 19. Jh und der Pariser Kommune von 1871- eröffnet aber gleichzeitig Perspektiven. Moderne Sozialisten können wieder selbst denken – unabhängig von dem Einfluss der dogmatischen Rechtfertigungsideologie des von Stalin pervertierten Marxismus-Leninismus, unter dessen Klauen die DDR von Anfang bis Ende zu leiden hatte. Die Wende bietet also eine Chance zu einer neuen wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Schriften von Karl Marx und dessen mögliche Aktualität zu heutigen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse im vereinten Deutschland des 21. Jh. Die Zukunft wird zeigen, ob man aus geschichtlichen Erfahrungen lernen kann und wird.
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